Im Frühjahr dieses Jahres übergab Herr Jörg Djuren, Hannover, dem Kreisarchiv Uelzen Fotos sowie einige Zeitungsausschnitte und Briefe aus dem Nachlass seines Großvaters Franz Djuren. Franz Djuren war von 1948 bis 1959 als Diakon des Evangelischen Hilfswerks im Flüchtlingslager Uelzen-Bohldamm beschäftigt. Für sein berufliches Engagement wurde er 1955 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Die Dokumente des Diakons vermitteln interessante Einblicke in die Tätigkeit der Wohlfahrtsorganisationen im Flüchtlingslager und geben auch Auskunft über ihre Verbindungen mit anderen Organisationen im Ausland, auf deren Hilfe man in den Nachkriegsjahren angewiesen war. Ein Beispiel der ausländischen Hilfstätigkeit für das Flüchtlingslager geht aus der Korrespondenz zwischen Franz Djuren und der aus Deutschland gebürtigen Schwedin Eva Marianne Gowenius hervor. Ihrem maßgeblichen Einsatz war die Einrichtung des so genannten „Schwedenheims“ zu verdanken.

Wohnbaracke im Uelzener Lager am Bohldamm, Anfang 1950er Jahre. Foto: Kreisarchiv

Das Lager am Bohldamm war im Herbst 1945 unter der britischen Besatzungsmacht zunächst als zentrales Durchgangslager für die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen aufgebaut worden. Mit Verabschiedung des Notaufnahmegesetzes 1950 wurden die Lager Gießen und Uelzen zu bundesdeutschen Notaufnahmelagern für DDR-Flüchtlinge. Dort wurde über die Anerkennung als politischer Flüchtling entschieden, mit der der Verfolgte bestimmte Privilegien, z.B. das Recht auf Wohnraumzuteilung, gegenüber anderen Flüchtlingen erhielt.i Der Aufenthalt im Lager betrug in der Regel einige Tage, konnte sich mitunter aber auch über einen längeren Zeitraum erstrecken, bis die Flüchtlinge innerhalb der Bundesrepublik weiter verteilt werden konnten. 1963 wurde das Lager geschlossen, nachdem der Mauerbau im August 1961 der Fluchtbewegung aus der DDR weitgehend ein Ende bereitet hatte.

Im Lager waren mehrere karitative Organisationen um die Flüchtlinge bemüht. So waren die katholische und die evangelische Kirche im Lager vertreten, Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Christlicher Verein Junger Menschen (CVJM), Arbeiterwohlfahrt und der englische Kinderhilfsdienst Safe the Children Fund (SCF). Ohne die Hilfe dieser Mitarbeiter, die in der Regel noch vielfältige Unterstützung von ihren ausländischen Partnerorganisationen erhielten, wäre die Hilfe und Unterstützung so vieler Menschen in einem anfangs noch stark vom Krieg beeinträchtigten Land nicht möglich gewesen. Die Organisationen engagierten sich für Geld- und Sachspenden, um die Menschen mit den elementarsten Dingen auszustatten. Es wurden Medikamente, medizinische Apparate, Bekleidung und Nahrungsmittel besorgt, und es wurden für verschiedene Zwecke Baracken aufgebaut.

Darüber hinaus wurden für Flüchtlinge Erholungsaufenthalte organisiert, und es wurde bald im kulturellem Bereich viel getan, um den Menschen ein wenig Ablenkung verschaffen zu können. Die karitativen Organisationen richteten u.a. Näh- und Bügelstuben ein, Bibliotheken, Lese-, Spiel- und Schreibzimmer, eine Krabbelgruppe, einen Kindergarten und einen Kinderhort.ii Sie bildeten innerhalb des Lageralltags eine Arbeitsgemeinschaft, die gewisse Arbeitsbereiche untereinander aufteilte. Der wichtige Bereich der Kinderbetreuung im Lager wurde zum Beispiel so aufgeteilt, dass die Innere Mission eine Krabbelstube für ganz kleine Kinder anbot, die Arbeiterwohlfahrt einen Kindergarten einrichtete, während die Caritas einen Kinderhort für die älteren Kinder übernahm. Die Kinder wurden also unabhängig von ihrer Konfession nach ihrem Alter und den entsprechenden Bedürfnissen betreut.iii

Vor allem für die Flüchtlinge, die zunächst keine offizielle Aufnahme erhalten hatten, und dies war in den frühen Jahren der Bundesrepublik ein hoher Anteil, bedeuteten die Wohltätigkeitsorganisationen im Lager meist die erste Anlaufstelle, die sich dieser Leute annahm, um ihn ihnen mit Rat und Hilfe beizustehen.iv

Kinder, die vermutlich zur Erholung nach Skandinavien reisen, um 1953. Foto: Kreisarchiv

Die evangelische Kirche war seit 1948 im Bohldammlager vertreten. Eine Einsatzgruppe der Inneren Mission unter Leitung des Diakon Djuren bemühte sich um seelischen Beistand der Flüchtlinge, aber auch um Linderung der dringendsten materiellen Not. So wurde in der bald errichteten Kirchen- und Kulturhalle, wie dies der Name bereits ausdrückt, nicht nur regelmäßige Gottesdienste und Andachtsstunden, sondern eben auch ein vielfältiges kulturelles Programm angeboten, um den Flüchtlingen die Aufenthaltszeit im Lager etwas angenehmer zu gestalten und sie zumindest kurzweilig von den Nöten und Sorgen des Alltags abzulenken.v Neben der erwähnten Kinderbetreuung im Lager wurden außerdem auch Erholungsaufenthalte für Mütter und Kinder organisiert.

Die Tätigkeit der Einsatzgruppe wurde in der Anfangszeit mit Mitteln der evangelischen Landeskirche Hannover und des evangelischen Hilfswerkes mit seinen zahlreichen Beziehungen im Ausland finanziert. Ab 1951 erhielt man, nachdem das Lager offiziell Bundeslager geworden war, auch finanzielle Unterstützung vom Bund. Dies allerdings erst, nachdem die Landeskirche um Mittel mit dem Hinweis auf die allgemein wichtige Funktion der Einsatzgruppe im Lager gebeten hatte.

Kinder im Notaufnahmelager, 1950er Jahre.

Die evangelische Landeskirche hatte klar festgestellt, dass der Schwerpunkt der evangelischen Einsatzgruppe in der Betreuung der abgewiesenen Flüchtlinge lag, woraus sich für die Tätigkeit spezielle Anforderungen ergaben, die eine besondere Herausforderung bedeuteten. Neben allgemeinen Beratungstätigkeiten kristallisierte sich bald die Betreuung von abgewiesen Müttern mit ihren Kindern als wichtiger Arbeitsbereich heraus. Zu diesem Zweck wurde 1952 mit schwedischer Hilfe ein Mutter- und- Kind- Heim am Bohldamm außerhalb des Lagers errichtet. Ein Jahr später kam bereits ein zweites Haus, das sogenannte Eva- Haus, dazu.vi 1952 hatte die Innere Mission beim Landeskirchenamt einen Zuschuss in Höhe von 10.000 Mark für den Bau des Mütterheimes beantragt. Das Bauvorhaben wurde damit begründet, dass häufig Mütter mit kleinen Kindern im Lager ankämen, die erst nach Wochen eine Zuweisung erhalten würden.

Oft würden Mütter abgewiesen und wüssten dann nicht, wo sie bleiben sollten. Diese Mütter sollten Aufnahme finden und möglichst schnell aus der besonders unerträglichen und schädlichen Lageratmosphäre mit seinen Massenunterkünften herausgebracht werden. Schwedische Freunde des Evangelischen Hilfswerkes hätten bereits Holzbauteile im Wert von 17.000 Mark nach Uelzen geschickt und die Norwegische Europahilfe hatte einen Barbetrag von 8000 Mark gestiftet. Außerdem sollte in dem Haus auch die Wohnung des Pfarrers eingerichtet werden.vii Das Grundstück, auf dem die Häuser errichtet wurden, gehörten dann später zur Gemeinde Veerßen, die es mit Vorbesitzer Herrn von Estorff gegen ein anderes Grundstück getauscht hatte. Man überlegte zu jenem Zeitpunkt, dass das Haus später einmal als Gemeindeheim genutzt werden könnte.viii

Franz Djuren, Eva Marianne Gowenius (links) und Bewohner des Schwedenheims, Septmeber 1953

Die Unterstützung von schwedischer Seite war wohl hauptsächlich aufgrund der regen wie rührigen Initiative der in Hamburg geborenen schwedischen Schriftstellerin Eva Marianne Gowenius zustande gekommen. Im Schriftwechsel mit Stellen der Landeskirche begründete sie ihr Engagement mit ihrem Befremden über das offizielle Verhalten in Deutschland gegenüber hilfesuchenden Müttern und ihren Kindern.ix Aber nicht nur das, sondern auch ein persönlicher Schicksalsschlug bewegte sie zu dieser Hilfstätigkeit, wie sie selbst in einem Zeitungsartikel schilderte. Sie schrieb:

„ Ich bin in Hamburg geboren und kam als Kriegskind mit siebzehn Jahren nach Schweden. Es war kurz nach dem ersten Kriege. Mit zwanzig Jahren heiratete ich einen schwedischen Gutsbesitzer und zog auf eins der schönsten Güter Schwedens.“

Eva Marianne Gowenius

Zwei Kinder wurden geboren, das jüngere, eine Tochter, stand der Mutter besonders nah. Das begabte wie sensible Mädchen besuchte später eine Kunstschule in Stockholm. Kurz nach ihrer Heirat 1950 erlitt sie eine schwere psychischen Erkrankung, von der sie sich nicht wieder erholen sollte. Die verzweifelte Mutter brachte ihre Tochter in ein Sanatorium in den Schwarzwald und übernachtete auf dem Rückweg im elterlichen Haus in Hamburg, wo sich die tiefreligiöse Frau nach einer „nächtlichen Eingebung“ überzeugt fühlte, im Lager Uelzen in Not geratenen Müttern und Kindern helfen zu wollen. Sie fuhr darauf hin nach Uelzen und beschloss nach einem Besuch des Lagers, für ein Mutter- und- Kind-Heim zu sammeln.

“So bin ich in elf Monaten durch die dunklen Wälder Smalands, über die Insel Öland kreuz und quer von Gemeinde zu Gemeinde gefahren und habe ihnen von Uelzen erzählt… Und niemand ist in dem Sinne reich, wie man in Deutschland glaubt. Aber alle gaben!..“

Eva Marianne Gowenius
Franz Djuren und Eva Marianne Gowenius am Schwedenheim, September 1953

Als sie 30.000 Kronen gesammelt hatte, konnte mit dem Bau begonnen werden. Die finanzielle Verwaltung der Spendengelder übernahmen dabei kirchliche Stellen, während Frau Gowenius nicht nur ständigem Kontakt mit den deutschen Stellen hielt, sondern bei der praktischen Durchführung der Arbeit auch selbst beteiligt war. Wie sie in einem Brief an Diakon Djuren schrieb, waren derartige Tätigkeiten und der Umgang mit Handwerkern für sie nichts Neues, sondern gehörten zu ihrem Arbeitsalltag auf ihrem Gut. Sie habe daher verschiedene Angebote eingeholt und letztlich den ganzen Barackenbau mit einem Freund, dem größten Sägewerksbesitzer von Smaland, verhandelt, der anschließend den Bau der Baracke in Auftrag gegeben habe. So konnte „am 16. Januar dieses Jahres (1952) dieses schöne Holzhaus, dies Heim für Mutter und Kind hier in Schweden“ bestellt werden. „Ein großes Aufenthaltszimmer und acht kleine Kämmerlein; eine Teeküche, ein Waschraum und ein Vorratsraum!“x

Die Heime sollten eine erste Auffangmöglichkeit bieten. Frauen, die im Lager keine Aufnahmeberechtigung erhalten hatten, wurden dort mit ihren Kindern übergangsweise untergebracht, um in Ruhe ihre weitere Zukunft planen zu können oder auf ihre Männer zu warten, die auf der Suche nach Arbeit und einer Wohnung waren. Es war anfangs geplant, dass diese Frauen sich in der Regel nicht länger als acht Tage im Schwedenheim aufhalten sollten. Viele blieben aber deutlich länger, bis sie einen Neuanfang in der Bundesrepublik beginnen konnten.xi

Im Schwedenheim, 1953

Erstveröffentlichung dieses Beitrags im Heimatkalender für Stadt und Kreis Uelzen 2015

i Daneben gab es noch eine Aufnahme auf dem Ermessenswege. Ein Aufenthalt in der Bundesrepublik ohne offizielle Aufnahme war aber nicht strafbar, der DDR-Flüchtling konnte nicht zur Rückkehr gezwungen werden. Zur Geschichte des Bohldammlagers siehe die Filmdokumentation der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V: „geflohen-vertrieben-rübergemacht“. Das Notaufnahmelager Bohldamm in Uelzen 1945–1963 zwischen Kaltem Krieg und Wiederaufbau, sowie die dazugehörige Broschüre: Böttcher, Christine: Das Notaufnahmelager 1945–1963, Uelzen 2009.

iiKrA. IX N 10/ 5.2, V. Ordner, Mappe 15, Bericht Brauner 1958.

iii NHStA, Nds. 385, Nr. 60, Bl. 14, 20.3.1957.

iv Im Laufe der Jahre wurde die Aufnahme immer mehr „aufgeweicht“. Bis 1961 waren 86% der Zuwanderer, die einen Antrag gestellt hatten, aufgenommen worden. Davon waren 14,2% anerkannte politische Flüchtlinge. Dazu Böttcher, 2009, S. 25.

v AZ vom 10.8.1955: Bundesverdienstkreuz für Diakon Djuren.

viLkAH, E 52, Nr. 114, Brief Djurens an das Hauptbüro des evangelischen Hilfswerkes vom 7.4.1953 mit der Mitteilung, dass man mit den Holzarbeiten am 2. Bau begonnen habe.

vii Ebd., Bl. 39, 17.4.1952.

viii Ebd., Bl. 71, Schriftverkehr Innere Mission –Landeskirche vom 3.10.52 hinsichtlich Erwerb des Grundstückes „Heim Mutter und Kind“ und Lagerkirche.

ix Ebd., Schriftwechsel Eva Gowenius.

x KrA, Nachlass Djuren.

xi KrA, BestandWohlfahrtsamt, Akte Schwedenheim1953–1958.

Bildunterschriften:

  1. Wohnbaracke im Lager am Bohldamm, Anfang 1950er Jahre. Foto Kreisarchiv.
  2. Kinder im Notaufnahmelager, Anfang 1950er Jahre. Foto Kreisarchiv.
  3. Kinder, die vermutlich zur Erholung nach Skandinavien reisen, um 1953. Foto Kreisarchiv.
  4. Franz Djuren, Eva Gowenius (links) und Bewohner des Schwedenheims, September 1953. Foto Kreisarchiv.
  5. Franz Djuren und Eva Gowenius am Schwedenheim, September 1953. Foto Kreisarchiv.
  6. Im Schwedenheim 1953. Foto Kreisarchiv.

Christine Böttcher

Christine Böttcher | Historikerin, Dr. phil. (geb. 1962) Wohnhaft im Landkreis Uelzen, verheiratet, fünf Kinder Studium der Geschichte und Politischen Wissenschaften an der Leibniz Universität Hannover Stadtarchivarin der Hansestadt Uelzen Kreisarchivarin des Landkreises Uelzen Seit 2007 Vorsitzende der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V. Schwerpunkte: Zeit- und Regionalgeschichte Veröffentlichungen und Ausstellungen zum Thema Regionalgeschichte