Mit dem Mauerbau am 13.8.1961 begann auch das Ende der oft bewegenden Zeit des Bohldammlagers. Das Lager war zeit seines Bestehens eine Art Seismograph des geteilt Deutschland in den Zeiten des Kalten Krieges. Für viele der Menschen, die hier ankamen, Zeit des war es ein Ort der Verzweiflung, aber auch der Hoffnung und des Neuanfangs. Seit Oktober 1945 waren im Lager am Bohldamm über 4.000.000 Flüchtlinge registriert worden. Mehr als die Hälfte dieser großen Zahl von Hilfesuchenden wurde hier vor Ort versorgt. Der Durchgang von DDR-Flüchtlingen lag bei 765.000 Menschen. Damit ist die Geschichte des Lagers in gewisser Hinsicht eine „Erfolgsstory“ der jungen Bundesrepublik,der es trotz der schwierigen Situation der Anfangsjahre und dem Für und Wider um Aufnahmeregelungen gelang, viele Menschen zu integrieren. Der Ausgangspunkt hierfür war das Lager. Viele seiner Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer versuchten, die Aufnahmesuchenden zu unterstützen und den Neuanfang zu erleichtern.

Die Bevölkerung in beiden Teilen Deutschlands musste achtundzwanzig Jahre mit der Grenze leben. In dieser Zeit haben sich an der Grenze dramatische Szenen ereignet. Die ansonsten in vielerlei Hinsicht eher farblos wirkende DDR-Führung brachte hinsichtlich der Überwachung und Einsperrung ihrer Bevölkerung eine erstaunliche Ideenvielfalt hervor. Die von der DDR-Führung gern als antifaschistischer Schutzwall bezeichnete innerdeutsche Grenze wurde mit Hilfe von moderner Militärtechnologie immer weiter abgedichtet. Es gab entlang der innerdeutschen Grenze während ihres Bestehens viele Verletzte und Tote.
Weder diese restriktiven Methoden noch verschiedene sozialpolitische Maßnahmen und wirtschaftliche Verbesserungen, die die DDR immerhin zum Land mit dem höchsten Lebensstandard innerhalb des Ostblocks werden ließ, konnten die zahlreichen Fluchtversuche verhindern. Gescheiterte Fluchtversuche endeten im Gefängnis; nicht wenige wurden von der Bundesrepublik später „freigekauft“.

Auf offizieller Ebene begann mit Antritt der sozialliberalen Koalition 1969 in der Bundesrepublik eine neue Ostpolitik, die eine Abkehr des bisherigen Alleinvertretungsanspruch des westlichen Deutschlands bedeutete und den Weg für eine internationale Anerkennung der DDR frei machte. Auf dieser Grundlage konnten nun mit der DDR verschiedene Re- gelungen getroffen werden, durch die die Beziehungen der Menschen der beiden Staaten erleichtert wurden bzw. aufrecht erhalten werden konnten. So schuf der Grundlagenvertrag von 1972 vor allem Reiseerleichterungen, hauptsächlich für die Bundesbürger, aber teilweise auch für DDR-Einwohner.

Den größten „Gewinn“ erzielte der sogenannte kleine Grenzverkehr, durch den Bewohner grenznaher Gebiete vereinfachte Besuchsmöglichkeiten erhielten. Für diesen Zweck wurden vier neue Grenzübergänge geschaffen; das geteilte Deutschland entfernte sich auf diese Art und Weise nicht noch weiter voneinander. Die neue Politik hatte aber noch weitreichendere Bedeutung und Folgen. Beide deutsche Staaten beantragten gleichzeitig ihre Aufnahme in die UNO und beteiligten sich 1975 an der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, deren Schlussakte im August 1975 in Helsinki auch von der DDR unterzeichnet wurde.

,,Die mit der Schlussakte beginnenden innenpolitischen Auswirkungen auf die DDR waren beträchtlich. Mehr und mehr Bürger forderten nun unter ausdrücklicher Berufung auf das Helsinki-Dokument die Einhaltung der Zusagen, und eine stetig wachsende Zahl stellte Anträge auf Ausreise in die Bundesrepublik.“

Aber erst das Ende des sowjetischen Imperiums ebnete den Weg für die friedliche Revolution von 1989 in der DDR. Die Bevölkerung in der DDR ließ sich nicht mehr einschüchtern. Das Ende der deutsch-deutschen Teilung wurde eingeleitet und damit auch das Kapitel der Nachkriegszeit abgeschlossen.

Die millionenfache Bevölkerungsbewegung der Nachkriegsjahre hat die Gesellschaft der Bundesrepublik vielfältig verändert. Bis zum Jahr des Mauerfalls 1989 kamen circa 15 Millionen Vertriebene, Flüchtlinge, Aus- und Übersiedler ins westliche Deutschland. Zu diesen Menschen wurden offiziell zwischen 1949 bis 1961 2,7 Mio. Menschen gezählt, die aus der DDR in die Bundesrepublik kamen, die tatsächliche Anzahl dürfte etwa 1 Mio. höher liegen. Nach diesen Menschenströmen aus dem östlichen Europa kamen mit dem bald einsetzenden Wirtschaftsaufschwung der fünfziger Jahre viele Menschen vorwiegend aus Süd- und Südosteuropa als sogenannte Gastarbeiter ins Land.
1955 erfolgte der erste Anwerbevertrag mit Italien. Manche der ausländischen Arbeitskräfte wohnten in Unterkünften, in denen kurz zuvor noch Flüchtlinge gelebt hatten. Etliche blieben, für sie wurde Deutschland zur neuen Heimat. Damit hatten sie nicht nur einen wichtigen Anteil am wirtschaftlichen Aufbau, sondern auch an der kulturellen Bereicherung Deutschlands.
Mit dem Ende des Ostblocks setzte eine erneute Welle der Zuwanderung aus den osteuropäischen Staaten ein, der in den letzten Jahren wieder nachließ.

Für viele der ,,Dazugekommenen“ war der Weg in die bundesrepublikanische Gesellschaft lang und voller Hindernisse. Oft als ,,Fremdkörper““ misstrauisch und höchstens zögerlich akzeptiert, konnte ein gleichberechtigtes Leben häufig erst in den nachfolgenden Generationen gelebt werden.

Das Lager wurde noch eine Zeitlang als Schule für den zivilen Bevölkerungsschutz genutzt. Einige Gebäude wurden verkauft und an anderen Stellen wieder aufgebaut. Der Rest des Lagergeländes wird heute für gewerbliche, aber auch weiterhin für soziale Zwecke genutzt. Es gibt hier nach wie vor Anlaufstellen für Menschen, die es besonders schwer haben, einen Platz in unserer Gesellschaft zu finden.

Christine Böttcher

Christine Böttcher | Historikerin, Dr. phil. (geb. 1962) Wohnhaft im Landkreis Uelzen, verheiratet, fünf Kinder Studium der Geschichte und Politischen Wissenschaften an der Leibniz Universität Hannover Stadtarchivarin der Hansestadt Uelzen Kreisarchivarin des Landkreises Uelzen Seit 2007 Vorsitzende der Geschichtswerkstatt Uelzen e.V. Schwerpunkte: Zeit- und Regionalgeschichte Veröffentlichungen und Ausstellungen zum Thema Regionalgeschichte